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Was archäologische Funde über die Menschheitsgeschichte verraten

Der moderne Mensch hat viel genetisches Material von Menschenarten geerbt, die nicht mehr existieren. Welchen Einfluß hat die Vergangenheit auf die Gegenwart?

Dr Katerina Douka
Dr Katerina Douka vom Max-Planck-Institut in Jena

Durch bahnbrechende neue Methoden zur Identifizierung alter menschlicher Knochenfragmente konnte bewiesen werden, dass sich menschliche Spezies miteinander gekreuzt haben. Sie liefern außerdem Hinweise auf unser genetisches Erbe. Mit Unterstützung des Europäischen Forschungsrats konnte Katerina Douka vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena in Rahmen ihres Projekts FINDER (Fossil Fingerprinting and Identification of New Denisovan remains from Pleistocene Asia) Techniken entwickeln, die derzeit in einem globalen Netzwerk von Forschenden verbreitet sind und Erkenntnisse liefern könnten, die weit über die bisherigen Analysen hinausgehen.

Innovative Datierungsmethoden

Die Denisova-Höhle, die sich in den Ausläufern der sibirischen Altai-Berge befindet, ist der einzige Ort auf der Welt, der bekanntlich sowohl vom Neandertaler und vom Denisova-Mensch als auch später vom modernen Menschen genutzt wurde. Im Jahr 2010 wurde ein Fingerknochen in einer dieser Höhlen entdeckt. Die genetische Analyse ergab, dass er zu einer neu entdeckten menschlichen Art gehörte, die nach der Denisova-Höhle benannt wurde: „Denisova-Menschen“. Sie besiedelten die Höhle vor mindestens 200.000 Jahren.

Katerina Douka erkannte, dass gut konservierte Knochenfragmente aus der sibirischen Höhle nach wie vor Spuren von Proteinen, insbesondere Kollagen, enthalten. Zur Untersuchung von Knochenfragmenten, die wegen ihrer geringen Größe nicht identifiziert werden konnten, wandte sie eine bestimmte molekulare Technik an, die an der University of York im Vereinigten Königreich entwickelt wurde. Diese ermöglicht es, proteinhaltige Materialien wie Tierknochen, Paraffinwasser oder Leder zu untersuchen.

In der Pilotstudie mit Material aus der Denisova-Höhle machten Douka und ihre Kolleginnen und Kollegen eine unglaubliche Entdeckung – den Bruch eines Knochens, der einem Mädchen gehörte, das ungefähr 13 Jahre alt war und eine Neandertalerin als Mutter und einen Denisova-Mensch als Vater hatte. Dadurch konnte bewiesen werden, dass diese beiden menschlichen Arten miteinander verflochten sind.

Douka möchte auf dieser bemerkenswerten Entdeckung aufbauen und weitere menschliche Fossilien mit der Methode des Kollagen-Fingerabdrucks identifizieren. „Das Screening-Tool ist schnell - wir können etwa 1.000 Knochen pro Woche untersuchen - und es ist relativ kostengünstig", erklärt die Forscherin. Sobald ein menschlicher Knochen identifiziert ist, werden DNA-Methoden angewandt, um mehr über das Fragment zu erfahren - zum Beispiel, zu welcher menschlichen Spezies es gehörte.  Mit Methoden, wie der Radiokarbondatierung, kann außerdem erforscht werden, wie alt es ist.

Diese Arbeit ist sehr faszinierend und auch heute noch von großer Bedeutung“, sagt Katerina Douka. „Diese Knochenfragmente gehörten zu Menschen, die vor Tausenden von Jahren gestorben sind, aber jetzt helfen sie, ein Licht auf den modernen Menschen zu werfen.

Katerina Douka, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena

Archäologie mit globalen Auswirkungen

Das Projekt verspricht, noch mehr zu enthüllen: Zur Anwendung der modernen Techniken sind nämlich nur Knochenfragmente nötig, die genügend genetisches Material enthalten. Zudem erreicht diese neue Ära der wissenschaftlichen Archäologie jeden Winkel der Welt, auch dank der Forschung von Katerina Douka.

Das Projektteam hat auch mit einer Nichtregierungsorganisationen zusammengearbeitet, um auf dem europäischen Schwarzmarkt gekaufte Elfenbeinartefakte zu identifizieren, sowie mit Museen, um die zerstörungsfreie Probenahme von Artefakten durchzuführen. Ein Vorteil des Kollagen-Fingerabdrucks ist, dass nur eine winzige Probe zur Untersuchung benötigt wird.

Douka hofft, dass die Entdeckungen des Projekts dazu beitragen werden, dass die Menschen ihre eigene Geschichte weit über die relativ junge Entstehung von Ländern und Nationalitäten kennenlernen.

Ich glaube, dass das Verständnis unserer menschlichen Entwicklung dazu beitragen kann, Ideologien zu überwinden, die auf rassischer Überlegenheit beruhen“, sagt sie. „Themen wie die Hautfarbe sind so kurzlebig - vor 7.000 Jahren sahen die Menschen, die nach England kamen, vielleicht ähnlich aus wie die Menschensüdlich der Sahara. Bei diesem Projekt geht es darum, unsere gemeinsame Menschlichkeit anzuerkennen.

Katerina Douka, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena