In dieser Pressemappe finden Sie Hintergrundinformationen für Ihre Teilnahme an der Pressereise nach Finnland. Dies ist keine offizielle Veröffentlichung der Europäischen Kommission, sie ist auch nicht für Ihre Veröffentlichung gedacht und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Länderinformationen
Ländername: Republik Finnland, Suomen Tasavalta (finnisch)
Größe: 338.363 km²
Bevölkerung: 5,6 Millionen (2024)
Hauptstadt: Helsinki
Landessprache: Finnisch und Schwedisch (das Land war jahrhundertelang Teil des Schwedischen Reichs). Dazu kommen Minderheitssprachen: Samisch, Russisch, Romani und die finnische Zeichensprache.
Religionen: Evangelisch-Lutherische Kirche (73%) hat einen besonderen Status in der Verfassung und kann Veränderungen am Gesetz initiieren, Orthodoxe Kirche (1%), registrierte religiöse Gemeinschaften (1,6%).
EU: Mitglied seit 1995, im Schengen-Raum seit 2001. 15 Abgeordnete im Europäischen Parlament, die letzte Ratspräsidentschaft war im Jahr 2019, in der Kommission ist Hanna Virkunnen Exekutiv-Vizepräsidentin für Technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie. Jeweils 9 finnische Vertreter im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und im Ausschuss der Regionen.
NATO: Mitglied seit dem 4.4.2023, damit der 31. Mitgliedstaat. Zuvor bestand eine jahrzehntelange enge Partnerschaft. (Link)
Währung/Wirtschaftsdaten: Finnland ist seit 1999 im Euro-Währungsgebiet. 2024 lag das BIP pro Kopf bei 41.000 Euro, auf das Land entfallen 1,6 % des gesamten BIP der EU. Inflationsrate 2024 bei 1,0 %, Bruttoschuldenstand aktuell bei 84,7 % des BIP. (Link Finnland, Link EU-Kommission)
Politisches System
Staatsform/Regierungsform: parlamentarische Republik mit Regierungschef und Staatsoberhaupt, oberstes Organ der Exekutive ist das Staatsoberhaupt, 12 Ministerien.
Staatsoberhaupt: Staatspräsident auf sechs Jahre direkt gewählt, maximal zwei Amtszeiten, Amtsinhaber ist seit dem 1.3.2024 Alexander Stubb. Bevor er in die finnische Politik gegangen ist, hat er lange in EU-Institutionen gearbeitet. Ministerpräsident von 2014-2015. CV hier.
Regierungschef: Ministerpräsident ist seit Juni 2023 Petteri Orpo von der rechts-konservativen nationalen Sammlungspartei KOK. CV hier. Er regiert mit einer Koalition aus Christdemokraten, Schwedischer Volkspartei und den Finnen.
Außenministerin: Elina Valtonen (Nationale Volkspartei). Sie hat in ihrer Kindheit einige Jahre in Bonn gelebt und spricht fließend Deutsch. CV hier.
Regionen: 19 Regionen, 70 Verwaltungsgemeinschaften, autonome Inselgruppe Åland, 309 Kommunen, die Selbstverwaltungskörperschaften sind, zuständig für Schulen, Kultur, Infrastrukturplanung, Wasser- und Müllversorgung sowie Umweltschutz
Parlament: Finnland hat ein Einkammerparlament, dass alle vier Jahre gewählt wird. 13 Wahlkreise senden (je nach Bevölkerungsanteil) eine bestimmte Zahl an Abgeordneten in das Parlament. Jeder Wähler hat eine Stimme, mit der ein Kandidat und seine Parteiliste gewählt wird. Es gibt keine Sperrklausel, aber rechnerische Grenzwerte in den Wahlbezirken.
Das Parlament erlässt alle Gesetze in Finnland und verabschiedet den Haushalt. Außerdem wählt es den Ministerpräsidenten, kontrolliert die Regierung, ratifiziert internationale Verträge und nimmt Einfluss auf Angelegenheiten der Europäischen Union.
Insgesamt sitzen 200 Abgeordnete gebündelt in parlamentarische Gruppen im Parlament:
Nationale Sammlungspartei (Kokoomus): Die Mitte-rechts Partei fokussiert sich auf ökonomische Themen wie Marktwirtschaft, Wettbewerb und eine wirtschaftliche Reform ein. Jüngstes Wahlergebnis: 19,3%. 48 Abgeordnete in der Regierungskoalition. Auf EU-Ebene Teil der EVP.
Partei der Finnen (Perussuomalaiset): Die rechte Partei hat sich aus einer Protestbewegung 1995 formiert, setzt sich für den Schutz traditioneller Kultur in Finnland ein und möchte die Einwanderung einschränken. Mit einem Wahlergebnis von 20,1% zweitgrößte Partei im Parlament, 46 Abgeordnete in der Regierungskoalition. Im Europaparlament Teil der ECR.
Sozialdemokratische Partei Finnlands (Suomen Sosialidemokraattinen Puolue): eine der ersten finnischen Parteien überhaupt, mit einer großen Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung und einem Schwerpunkt auf soziale Gerechtigkeit und Sicherheit. Mit 19,9 % hat sie 43 Abgeordnete im Parlament. Gehört im EP zur Fraktion S&D.
Zentrumspartei Finnlands (Suomen Keskusta): 23 Abgeordnete (Wahlergebnis 11,3 %), steht für Dezentralisierung, landwirtschaftliche Interessen und regionale Entwicklung. Im EU-Parlament Teil der RE.
Grüne Liga (Vihreä liitto): Mit 7 % aktuell 13 Abgeordnete im Parlament. Schwerpunkte: Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Im EU-Parlament durch G/EFA vertreten.
Linkes Bündnis (Vasemmistoliitto): Die Partei steht für progressive Werte wie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit. 7,1 % und 11 Abgeordnete, Auf EU-Ebene Teil der LEFT-Partei.
Schwedische Volkspartei Finnlands (Svenska folkpartiet): Die liberale Partei vertritt die schwedischsprachige Bevölkerung in Finnland und setzt sich für kulturelle Vielfalt im Land ein. 4,3% und 9 Abgeordnete, sie ist Teil der Regierungskoalition. Teil der RE im Europäischen Parlament.
Christdemokraten (Kristillisdemokraatit): Mitte-rechts Partei mit konservativen Werte, ebenfalls Teil der Regierungskoalition. 4,2% und 5 Abgeordnete. Sie ist Teil der Europa-Partei EVP.
Bewegung jetzt (Liike Nyt): 1 Abgeordneter, die Mitte-rechts-Partei fordert eine datenbasierte Politik, Transparenz/Effizienz der Politik.
Timo Vornanen: ehemaliges Mitglied der Partei der Finnen, 2024 nach einer Schießerei von der Partei ausgeschlossen.
Geschichte
Finnland investiert historisch viel in seine militärische Absicherung, das lässt sich historisch begründen. Finnland war lange Zeit unter schwedischer Herrschaft. Schon in dieser Zeit war das Land im Schnitt einmal pro Jahrhundert an einem Krieg gegen Russland beteiligt. Nach der Niederlage Schwedens im Russisch-Schwedischen Krieg 1809 wurde Finnland ein Großfürstentum Russlands.
Der Krieg im Winter 1939/1940 gegen die damalige Sowjetunion prägt Finnland bis heute: unter einem Vorwand griffen sowjetische Soldaten das Land an und bombardierten es großflächig. Die Ausgangsituation war denkbar schlecht für Finnland: 300.000 Finnen standen einer Million sowjetischen Soldaten gegenüber. Allerdings waren die sowjetischen Soldaten schlecht ausgerüstet, der Winter war sehr kalt und die Angreifer begingen strategische Fehler - die Finnen konnten ihre 1917 gewonnene Unabhängigkeit verteidigen. Sie mussten allerdings viel Territorium abgeben. Eine grundlegende Lehre dieses Kriegs war: Finnland muss immer in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen.
Krisenvorsorge
Finnland hat während des kalten Krieges ein gesamtgesellschaftliches Verteidigungskonzept aufgesetzt und entwickelt es kontinuierlich weiter. 2017 legte die finnische Regierung eine ganzheitliche Sicherheitsstrategie vor: Das Konzept kombiniert militärische Kapazitäten mit zivilgesellschaftlichem Engagement und privatwirtschaftlichen Ressourcen. Durch diese Strategie koordinieren verschiedene Akteure die Bewertung von Gefahren und planen gemeinsam die Landesverteidigung. Wichtige Elemente: Versorgungssicherheit sowie Medienkompetenz/Resilienz gegenüber Desinformation.
Leitfaden für die Krisenvorsorge
Die finnische Regierung hat einen Leitfaden entwickelt, der die Finninnen und Finnen auf Krisen vorbereitet: er beinhaltet Notfallversorgung zu Hause, Informationen über Risiken und wie man sich rüsten kann, Handlungsfähigkeit, funktionale Kapazitäten, ein Sinn für Gemeinschaft. Die finnische Regierung betont, dass Vorsorge den Eintritt von Krisen nicht wahrscheinlicher machen. Teil des Leitfadens sind auch Hilfestellungen, wie man Ruhe bewahrt, um die Situation richtig einzuschätzen und das weitere Vorgehen zu planen.
Es gibt eine Reihe von praktischen Informationen und Anweisungen: etwa eine Liste von Dingen, die man für einen Mindestzeitraum von 72 Stunden zu Hause haben sollte: u.a. Medikamente, Wasser, Batterien und Bargeld. Dazu kommen Informationen, wie man sich in verschiedenen Situationen am besten verhält, etwa bei Epidemien und Pandemien, Naturkatastrophen, Cyberattacken, militärischen Konflikten, Störung von Bezahlungssystemen oder Kommunikationssystemen, Blackouts und Terrorismus.
Die Notfälle werden dabei in drei Kategorien eingeteilt: Vorfälle, in denen Naturphänomene essentielle Funktionen unterbrechen; Krisen als ernstere und länger-anhaltende Unterbrechungen; Notfallbedingungen als sehr ernste und selten auftretende Vorfälle, bei denen die Regierung einschreiten muss.
Zudem werden die Menschen in Finnland auf hybride Beeinflussung vorbereitet – also auf systematische und fortlaufende Aktivitäten ausländischer Regierungen, um das Land negativ zu beeinflussen. Auch Informationsbeeinflussung gehört dazu, also systematische Operationen mit dem Ziel, dass die finnische Gesellschaft gegen ihre eigenen Interessen handelt.
Vorbereitung auf militärische Konflikte
Für die Bedrohungsanalyse Finnlands sind mehrere Faktoren wichtig. Etwa die geringe Bevölkerungsdichte: es leben 5,6 Millionen Menschen auf einem Gebiet etwa der Größe Deutschlands, das sind vergleichsweise wenige Menschen auf einem großen Gebiet. Ohne den Einsatz aller Bürgerinnen und Bürger kann das Land also nicht erfolgreich verteidigt werden. Geographisch hat Finnland eine 1340 km lange Grenze zu Russland und es ähnelt versorgungstechnisch einer Insel, mit einer großen Abhängigkeit von Handelswegen über die Ostsee. Daraus ergibt sich der Fokus auf eine vorausschauende Versorgungsplanung. Die nationale Notversorgungsbehörde ist hier für Notvorräte und kritische Infrastrukturen verantwortlich. Die militärischen Vorbereitungen sind ausgerichtet darauf, dass Finnland angegriffen wird, es geht nicht um einen Angriffskrieg.
Wehrpflicht
Alle finnischen Staatsbürger haben durch das Grundgesetz die Pflicht zur Landesverteidigung (Art. 127). Die Wehrpflicht betrifft männliche finnische Staatsbürger im Alter zwischen 18 und 60 Jahren. Sie können den Dienst als bewaffneten oder unbewaffneten Wehrdienst oder als Zivildienst leisten. Frauen im Alter von 18-29 Jahren können sich freiwillig melden.
Die Soldatenausbildung dauert zwischen 165 und 347 Tage, je nach Fokus. Sie besteht aus Grundausbildung, Dienstzweigausbildung, Spezialausbildung und Einheitsausbildung. Nach Beendigung des Dienstes wird man in die Reserve versetzt, in der Auffrischungsübungen verpflichtend sind. Umfragen zeigten zuletzt ein Rekordhoch bei der Bereitschaft der Finnen, ihr Land zu verteidigen. 2024 waren 78 Prozent bereit, Finnland zu verteidigen, selbst bei ungewissem Ausgang. 80 Prozent unterstützen das derzeitige Wehrpflichtsystem.
Bunkersystem
2022 hatte Finnland über 50.500 Zivilschutzbunker, in denen 4,8 Millionen Menschen unterkommen können (Link zur Website des Innenministeriums). Die Bunker sollen die Bevölkerung vor militärischen Bedrohungen wie Explosionen, Einsturz von Häusern oder radioaktive Strahlungen schützen. Ca. 85 Prozent der Bunker sind privat und in einzelnen Gebäuden gelegen.
Es gibt eine landesweite Pflicht zum Bau von Zivilschutzbunkern, basierend auf dem finnischen Rettungsgesetz. Sie greift, wenn ein Grundstück größer als 1200 Quadratkilometer ist und als dauerhafte Wohnstätte genutzt bzw. bewohnt wird. Werden die Bunker nicht zum Schutz gebaucht, dienen sie oftmals als Sporthallen, U-Bahnhöfe oder Parkplätze. In Wohngebäuden werden sie oft als Stauräume genutzt, allerdings ist das nur unter der Bedingung erlaubt, dass sie innerhalb 72 Stunden leergeräumt werden können.
Hybride Bedrohungen
Die Europäische Kommission definiert den Begriff „hybride Bedrohung“ als ein Spektrum von Methoden und Aktivitäten, die von einem feindlichen Staat oder nichtstaatlichen Akteuren in koordinierter Weise eingesetzt werden. Sie greifen Schwachstellen demokratischer Staaten und Institutionen an, bleiben jedoch unterhalb der Schwelle einer offiziellen Kriegshandlung. Das erschwert die eindeutige Zuordnung und Verfolgung. (Link hier).
Eine Vielzahl von Aktivitäten kann – einzeln und kombiniert - zu einer hybriden Bedrohung führen: u.a. Informationsmanipulation, Cyberangriffe, wirtschaftliche Einflussnahme oder wirtschaftlicher Druck, verdeckte politische Manöver, Zwangsdiplomatie oder die Androhung militärischer Gewalt. Die Gefahr solcher Aktivitäten wurde seit der russischen Invasion in die Ostukraine im Jahr 2014 immer deutlicher. In diesem Zusammenhang verwendet die Kommission und der Europäische Auswärtige Dienst der Fachbegriff FIMI: Foreign information manipulation and interference.
Die NATO verfolgt einen dezentralen Ansatz bei der Bekämpfung von hybriden Bedrohungen, die einzelnen Länder sind selbst für eine angemessene Reaktion verantwortlich. Finnland hat aus diesem Grund ein Kompetenzzentrum errichtet: das Hybrid Threats Centre of Excellence. Resilienz gegenüber hybriden Gefahren zu bilden ist in Finnland eine sektorübergreifende Koordinationsaufgabe.
Beschädigung von Unterwasserleitungen
Europa ist von seinen Unterwasserkabeln abhängig und damit auch verwundbar. Deshalb sind diese Kabel auch bevorzugte Ziele hybrider Attacken. Hinzukommt, dass sie in der rechtlichen Grauzone von internationalem Gewässer liegen, durch mehrere Länder führen und öffentlich einsehbar sind.
Am ersten Weihnachtsfeiertag 2024 fiel die Stromleitung Estlink 2 aus. Schnell fanden die finnischen Behörden die Ursache: einen schleifenden Anker eines Öltankers, der unter der Flagge der Cookinseln fuhr und sich verdächtig nah an der Leitung befand. Die finnischen Behörden ermittelten wegen schwerer Sabotage und glauben, dass das Schiff Teil der russischen Schattenflotte war. Die Generalstaatsanwaltschaft hat kürzlich Anklage gegen den Kapitän, den Ersten und den Zweiten Offizier erhoben, wegen schwerer Sabotage und Telekommunikationsstörung. Dem Trio war es seit Beginn der Untersuchung durch das National Bureau of Investigation untersagt, Finnland zu verlassen.
Als Reaktion auf die Beschädigung wurde auf dem NATO-Gipfel der Ostseeanrainerstaaten im Januar 2025 eine neue NATO-Mission zur Bekämpfung solcher Sabotageakte beschlossen. Auch das Europäische Parlament debattierte über das Vorgehen gegen Unterwasser-Sabotage. Die EU-Kommission legte im Februar ein Maßnahmenpaket vor: einen Aktionsplan für mehr Sicherheit solcher Kabel.
Zerstörung von Unterwasser-Infrastruktur, gerade in der Ostsee, häuft sich seit der russischen Invasion der Ukraine. 2025 fielen auch vier Kommunikationskabel zwischen Finnland und Estland sowie Finnland und Deutschland aus. Bereits im Oktober 2023 wurde eine Gaspipeline beschädigt, wohl durch den Anker eines chinesischen Frachtschiffs, das vor einer Untersuchung bereits russisches Gewässer erreicht hatte. 2024 wurde ein Datenkabel zwischen Finnland und Deutschland beschädigt, kurz darauf ein weiteres Datenkabel zwischen Schweden und Litauen. Auch im Dezember 2024 wurde ein Glasfaserkabel zwischen Finnland und Schweden beschädigt, allerdings konnte ein Sabotageverdacht nicht bestätigt werden.
EU-weite Strategien
Militärische und zivile Vorsorge steht im Zentrum des sogenannten Niinistö-Berichts, den der frühere Präsident von Finnland, Sauli Niinistö verfasst und der Kommission am 30. Oktober 2024 übergeben hat. Er zeigt Wege auf, wie sich Europa besser auf Schocks und Krisen vorbereiten kann. Es folgte im März 2025 die Strategie für eine krisenfeste Union. Aus ihr sind bereits erste Initiativen hervorgegangen, konkret zu den Themenbereichen Bevorratung und medizinische Gegenmaßnahmen.
Was kritische Infrastruktur und deren Schutz anbelangt, so hat die EU-Kommission kürzlich einen Leitfaden für die EU-Mitgliedstaaten veröffentlicht. Aus dem EU-Fonds für Innere Sicherheit können die Länder finanzielle Unterstützung bekommen (1,93 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021-2027).
Für militärische Projekte, die Verteidigungslücken der EU schließen helfen, gibt es ebenfalls Geld: in diesem Jahr wurde das Programm SAFE aufgelegt, ein Akronym für Sicherheitsaktion für Europa. 19 Mitgliedstaaten, auch Finnland, haben ihr Interesse angemeldet. Deutschland will sich nicht beteiligen. Kürzlich wurde die vorläufige Zuweisung der insgesamt 150 Milliarden Euro bekanntgegeben, für Finnland sind 1 Milliarde Euro vorgesehen. Details dazu hier.
Ende August/Anfang September unternahm Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Reise in die sieben Länder, die eine Grenze mit Russland oder Belarus haben: Finnland, die drei baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen, Polen, Bulgarien und Rumänien. Die geografische Lage stellt diese Länder, aber mit ihnen auch die gesamte EU, vor Herausforderungen, die von der Leyen adressiert hat. Eine Übersicht über die Reise und Auszüge aus den jeweiligen Pressestatements (sowie weiterführende Links) gibt es hier.
Ortsbesuch: Eisbrecher-Werft
Wir besuchen die Werft der Rauma Marine Constructions, in der in den 90er Jahren drei Mehrzweck-Eisbrecher gebaut wurden: Fennica, Nordica und Botnica. Die ersten beiden werden noch immer in Stand gehalten. 2021 wurde die Aurora Botnia fertiggestellt. Die erste von vier Mehrzweck-Korvetten für die finnische Marine ist im Mai 2025 vom Stapel gelaufen. Diese Korvetten sind auch bei zugefrorenen Oberflächen einsetzbar.
Finnland gilt als ein globaler Knotenpunkt für Konstruktion und Betrieb von Eisbrechern, als technologischer Vorreiter in der Arktis mit langen Jahren an Expertise und einer modernen Flotte. (Rauma: „80 Prozent der weltweiten Eisbrecher wurden in Finnland designt, 60 Prozent wurden in Finnland gebaut.“)
Die schwierigen Wetterverhältnisse in der Ostsee und der Arktis machen Eisbrecher notwendig, damit die Schiffe Zeitpläne und Transportfluss einhalten können. Eisbrecher „brechen“ das Eis nicht wirklich, vielmehr drücken sie es nach unten. Das erfordert weniger Energie, als das Eis zu zerstampfen.
ICE-Pakt: Zusammenarbeit zwischen Finnland, Kanada und den USA
Vor diesem Hintergrund haben sich im Jahr 2024 die USA (noch unter US-Präsident Joe Biden), Kanada und Finnland auf eine enge Zusammenarbeit für den Bau von Eisbrechern verständigt: Biden, Justin Trudeau und Alexander Stubb unterschrieben am 11. Juli 2024 den ICE-Pakt - Icebreaker Collaboration Effort. Ziel ist, Wissen und Ressourcen zu bündeln.
Grüne Energie
Finnland ist eine der energieintensivsten Volkswirtschaften in der EU. Das ist u.a. auf die kalten Witterungsbedingungen und die großen Entfernungen zwischen den seinen zurückzuführen.
Das Land möchte – als erstes Land in Europa - bis 2035 klimaneutral sein. So wurde es im Gesetz zum Klimawandel von 2022 festgelegt. Langfristig möchte Finnland nicht nur klimaneutral, sondern klimanegativ werden. Diese Festlegung basiert auf wissenschaftlichen Analysen des finnischen Panels für den Klimawandel. Das unabhängige Beratungsgremium wurde 2015 durch das erste Gesetz zum Klimawandel mit einem formellen Mandat betraut.
Das Umweltministerium stellt hier Informationen zur nationalen Klima- und Energiestrategie bereit. Das Ministerium für Wirtschaft und Beschäftigung koordiniert die 2020 fertiggestellten Fahrpläne für die kohlenstoffarme Entwicklung in verschiedenen Sektoren, hier sind die jüngsten Informationen dazu (Stand 2024) veröffentlicht.
Der Fahrplan für Energie und Klima bis 2050 berücksichtigt Faktoren wie Energieproduktion, Energienutzung, Landwirtschaft und den Abfallsektor.
Der Grundgedanke ist, dass jeder Sektor seine Herausforderungen am besten kennt. Die Sektoren waren daher selbst für die Ausarbeitung und Umsetzung ihrer Roadmaps verantwortlich.
Erneuerbare Energien und Atomkraft
Finnland investiert stark in erneuerbare Energien, deren Anteil im Energiemix ist im EU-Vergleich der zweithöchste (nach Schweden, siehe Eurostat-Daten bis einschließlich 2023 hier).
Im Länderreport der Kommission 2025 heißt es: „Unsichere Wirtschaftsaussichten, Engpässe in der Lieferkette, gestiegene Rohstoffpreise und höhere Marktzinsen trugen dazu bei, dass sich Investitionsprojekte verzögert haben. Das stellt die Fortschritte auf dem Weg zur CO2-Neutralität vor Herausforderungen.“
Die wichtigsten Formen erneuerbarer Energien in Finnland sind Bioenergie, Wasserkraft, Windkraft und Erdwärme. Solarwärme wird als Ergänzung zum Hauptheizsystem genutzt.
Eine weitere wichtige Energiequelle in Finnland sind Atomkraftwerke. Ca. 40 Prozent des Stroms wird von Atomkraftwerken erzeugt. Derzeit gibt es in Finnland fünf Kernreaktoren: zwei im Kernkraftwerk Loviisa und drei im Kraftwerk Olkiluoto. Der fünfte Reaktor (Olkiluoto 3) wurde 2023 in Betrieb genommen.
Das Endlager für radioaktive Abfälle befindet sich im Grundgestein, bereits seit den 1990er Jahren kümmern sich beide Kraftwerksstandorte um die Entsorgung der anfallenden schwach- und mittelradioaktiven Abfälle sowie um die Endlagerung. Das finnische Ministerium für Wirtschaft und Beschäftigung bezeichnet Finnland als Pionier auf diesem Gebiet (Link).
Wasserstoff - Important Projects of Common European Interest (IPCEI)
Mit Blick auf die Wasserstoff-Wertschöpfungskette hat die Europäische Kommission bisher vier sogenannte IPCEI genehmigt, an den beiden ersten dieser „Important Projects of Common European Interest“ ist Finnland beteiligt: Hy2tech (Wasserstofftechnologie – hier ist Deutschland ebenfalls dabei) und Hy2Use (Wasserstoffindustrie). (Link)
IPCEIs sind Projekte in einer strategisch wichtigen Wertschöpfungskette, das aus mehreren Unternehmensprojekten aus verschiedenen EU-Mitgliedstaaten besteht. Es geht um strategische Ziele der EU (wie Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit), deswegen gibt es nach eingehender Prüfung nach dem Beihilferecht staatliche Beihilfe.
Strompreise
Im EU-weiten Vergleich sind die Strompreise in Finnland niedrig. Eurostat-Daten aus dem April zeigen, dass Nicht-Haushalte in der EU (dazu zählen Abnehmer mit einem Jahresverbrauch zwischen 500 und 2.000 Megawattstunden) am wenigsten gezahlt haben: 0,0767 Euro pro KWh. Die höchsten Preise wurden in Zypern aufgerufen. Allerdings sind die Preise für finnische Haushalte innerhalb eines Jahres deutlich gestiegen (um 13,6 Prozent).
Zusammenarbeit mit den nordischen Ländern
Die nordischen Länder verstehen sich als Vorreiter dabei, erneuerbare Energie in den Alltag zu integrieren. Staatliche Anreize und öffentliches Nachhaltigkeitsengagement haben die Investitionen erhöht. Im Jahr 2019 haben Finnland, Island, Schweden, Norwegen und Dänemark die Erklärung zur nordischen Kohlenstoffneutralität unterschrieben. Ziel ist eine gemeinsame, grüne Energieversorgung. Die Länder wollen bis 2030 die nachhaltigste und integrierteste Region der Welt werden.