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Vertretung in Deutschland

Bert Zanders Videoinstallation „Schwelle / Threshold“

Vor Ort im Europäischen Haus

Weiße Muster auf schwarzem Hintergrund stellen eine rechteckige Schwelle der Erinnerung da. Auf der Schwelle ist zu lesen Schwelle/Threshold.

Schwelle / Threshold
Bert Zander *1972, Terrazzo, Video und Audio, Loop 180 min.

 

Seit dem 9. November 2021 regt im Foyer des Europäischen Hauses am Pariser Platz die Installation „Schwelle / Threshold“ des Videokünstlers Bert Zander zum Denken und Handeln an. Anlässlich der neuen EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens setzt die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland so ein Zeichen gegen den Antisemitismus.

Bert Zanders Videoinstallation besteht aus einem 180 Minuten langen Video, Audiomaterial und einem Streifen des Terrazzo-Bodens im Foyer des Europäischen Hauses, Unter den Linden 78 in Berlin. Jedem der 3384 kleinen Steine im Bereich des definierten Ausschnitts ist die Aufnahme eines Gesprächs mit einer Überlebenden oder einem Überlebenden der Shoah zugeordnet. Sie stammen aus ganz Europa. Bert Zander hat den Audiopegel jeder einzelnen Stimme bearbeitet und ihr eine eigene Ebene in der Projektion zugewiesen. Wie intensiv der jeweilige Stein leuchtet, wird so durch Lautstärke und Rhythmus des Gesprochenen, durch den Atem des oder der Sprechenden bestimmt.

Vor Ort zu hören ist zunächst die Stimme der Shoah-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch (*1925). Die übrigen 3383 Stimmen sind als ein Glimmen und Flackern der Steine am Boden wahrnehmbar. Weitere Stimmen von Überlebenden der Shoah sowie von Jüdinnen und Juden unserer Zeit werden im Verlauf der Installation hörbar werden. Bert Zander hat sie zu ihrer persönlichen Situation befragt, zu dem, was ihnen für das Erinnern an die Shoah wichtig ist und zu ihren Wünschen für die Zukunft, einschließlich dessen, was sie sich von der Europäischen Union erwarten.

Zu den formalen Eigenschaften der Arbeit gehört schließlich ihr Standort: Sie befindet sich im „Europäischen Haus“, an der Kreuzung Unter den Linden/ Wilhelmstraße und damit im ehemaligen NS-Regierungsviertel, auf einem Grundstück, auf dem zum Kriegsende der Erweiterungsbau für die Konzernbank und die Finanzverwaltung der I.G. Farben stand.

Zentraler Begriff in Bert Zanders Arbeit ist die Schwelle, als Trennlinie, Zone des Übergangs und der Transformation. Schwellen sind ambivalent. Sie grenzen ab und eröffnen damit Räume, schließen ein und gleichzeitig aus. Indem die Videoarbeit einen beliebigen Ausschnitt des Bodens erhellt und damit zur Schwelle macht, betont sie die Setzung, die jeder Schwelle eigen ist und die Fragen wie diese aufwirft: Wer entscheidet, wer drinnen ist und wer draußen und mit welcher Legitimation? Lassen sich Schwellen eindeutig und ein für alle Mal festlegen oder sind sie das Ergebnis permanenter Aushandlungs- und Anpassungsprozesse? Wie sicher dürfen wir uns sein, auf der „richtigen Seite“ zu stehen?

Schwellen lassen innehalten. Weil sie einen Übergang markieren, eine Entscheidung erfordern. Mit Gründung der ersten europäischen Gemeinschaft sind die Europäerinnen und Europäer 1953 über eine Schwelle getreten, um sich auf den Weg in ein besseres Europa zu machen. Doch die einmal überschrittene Schwelle ist damit nicht verschwunden. Zwar führen die Mitgliedstaaten der EU keinen Krieg mehr gegeneinander, aber deshalb gibt es in Europa noch nicht für alle Frieden. Diese Erkenntnis, das Wissen darum, dass Antisemitismus und andere Formen der Diskriminierung noch immer existieren, verbietet Formen des Erinnerns, deren einziges Ziel es ist, die „Vergangenheit zu bewältigen“, um sie eines Tages vergessen zu machen. Die Installation macht darum die Schwelle sichtbar, die auch heute noch zu überschreiten ist. Jeden Tag aufs Neue auf dem Weg ins Europäische Haus, das konkrete am Pariser Platz und das metaphorische, das imaginierte Zuhause der Europäerinnen und Europäer.

Schließlich steht die Schwelle für die Zäsur, vor der das Erinnern an die Shoah steht. Sehr bald werden keine Menschen mehr leben, die die Shoah erlebt haben. Was kann an ihre Stelle treten? „Es gibt Millionen Zeitzeugen! Fragen Sie Ihren Vater, Ihren Großvater!“ sagt Michel Friedmann in einem Interview, und meint damit nicht die Überlebenden der Shoah, sondern Täter und Täterinnen und die Mitwissenden. Auch diese Gruppe der Zeitzeugen und Zeitzeuginnen ist sehr bald nicht mehr zu befragen. Hinzukommt: Deutschlands Bevölkerung ist divers geworden, Millionen von Menschen haben keine persönlichen Beziehungen zu Opfern und den Täterinnen und Tätern. Was das für den Umgang mit der Shoah bedeutet, ist Gegenstand laufender Debatten zur Erinnerungskultur.

Auch die „Überlebenden“ der Shoah waren einmal Lebende. So wie die Jüdinnen und Juden, die über das Unerhörte berichten, was ihnen heute in Deutschland widerfährt. Bert Zanders Arbeit macht klar: über die Schwelle sind wir erst hinweg, wenn wir sie stets unter uns spüren.

Der Künstler Bert Zander

Der Künstler Bert Zander, 1972 in Weimar geboren, arbeitete in den 1990er Jahren als Licht-, Ton- und Videotechniker auf verschiedenen europäischen Theaterbühnen, Tanz- und Musikfestivals. 2003 Abschluss des Studiums der Gestaltung an der Bauhaus-Universität. Neben Tätigkeiten als Dramaturg und Bühnenbildner zeichnet er sich verantwortlich für die Videogestaltung von mehr als 100 Produktionen in Amsterdam, Berlin, Basel, Dresden, Düsseldorf, München, Luzern, Hamburg, Salzburg, Stuttgart, Paris, Wien, Zürich u.a. Neben verschiedenen filmischen künstlerischen Positionen arbeitet Bert Zander seit Jahren als Regisseur und Video-Künstler an der Schnittstelle zwischen Installation, Film und Theater.

Weitere Informationen:

Die Videoinstallation wurde von der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland initiiert und kuratiert, aus Anlass der EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens.

Pressemitteilung zur Installation

Wenn Sie die Installation besuchen oder weitere Informationen erhalten möchten, wenden Sie sich bitte an Nikolaus von Peter.